Gedanken und Genörgel einer alternden T****e

Die Jungschwuppe, Ziel und Ausgangspunkt identitärer Verortung

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Die Identität der größten Flexibilität

Bevor du weiterliest, muss ich dich warnen. Dieser Text ist der wahrscheinlich unbelegteste und subjektivste, den ich je geschrieben habe (nicht nur auf diesem Blog). Er basiert rein auf halbverdauten Beobachtungen und hanebüchenen Schlussfolgerungen. Und hat zu allem Übel auch noch nicht ganz so viel mit dem Blogthema zu tun.

Es fällt mir zunehmend auf, in meinem queer-feministischen Umfeld, nicht nur bei den Trans*männlichkeiten und Genderqueeren, nein, bei nahezu allen nicht cis-männlichen Personen die ich kenne: Es gibt eine Identität, die sie (fast) alle (und da nehm ich mich nicht aus, weshalb ich im Folgenden von „wir“ spreche) fasziniert. Die der Jungschwuppe. Eine primär männlich gelesene Person, irgendwo zwischen 15 und Anfang 20, schlank, androgyn, hübsch, bezaubernd.
Selbstredend ist der imaginierte junge Schwule vorzugsweise weiß, Jungschwuppen of Color kommen in unserer Medienwelt ja kaum vor, zumindest nicht in der tuffigen Variante. Doch das besondere Feature der idealen Jungschwuppe sind nicht ihre hohen Wangenknochen und der überzeugende Schlafzimmerblick. Es ist sicherlich auch nicht ihr Schwanz, den einige der sich mit jungen Schwuppen identifizierenden Personen gar nicht haben möchten.
Es ist ihre Flexibilität. Keine andere Identität, keine andere Position im gesellschaftlichen (inkl. medialen) Gefüge vereint dermaßen die Möglichkeit, sich tagtäglich neu zu erdenken und dabei auch noch fabulös zu sein. Auch für junge, weiße, gutaussehende Schwule ist natürlich nicht alles eitel Sonnenschein, Homo- und Femininitätsfeindlichkeit durchziehen unsere Gesellschaft und was die Machtfrage angeht, so zieht selbstredend die Schwuppe den Kürzeren gegenüber der heteronormativen Konkurrenz. Dafür bietet aber der Ausgangspunkt als junge Tucke viel mehr Spielraum als die Performances, die Heterokerlen zugestanden werden, wenn diese ihren gesellschaftlichen Stand nicht aufs Spiel setzen wollen. Für einen heterosexuellen Manager gibt es keine Orte, an denen er ernstgemeint im kleinen Schwarzen auftreten kann und dafür noch ernstgenommen und gefeiert wird. Die Jungschwuppe hätte auch Probleme damit, in eben diesem Outfit auf die Betriebsfeier zu gehen und muss um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten, wenn sie aufgefummelt in der U-Bahn fährt. Und doch, wenn sie glitzerbehangen auf die (nicht-hetero) Party kommt, liegt ihr die Welt zu Füßen. Kokettes und zickiges Verhalten sind gern gesehen, statt sanktioniert oder belästert zu werden.

Am nächsten Tag kann sie* Macaulay Culkin als James St. James im Film "Partymonsters", stark geschminkt, sagt "I'm still fabulous"total butchy daherkommen, es wird ihr nicht übel genommen werden, vielmehr durchzieht ihre Butchness ein glamouröses Augenzwinkern. Betonung auf glamourös. Denn auch wenn sie* ihren Stil ändert, ihre Performance schneller wechselt als ich meine Handtaschen, so wird ihr doch nie ihre Wahrhaftigkeit, ihre realness abgesprochen. Sie* kann sich neu erfinden und muss doch nicht fürchten, dass sie* im Gegenzug nicht mehr ernst genommen wird. Eine Lesbe ist so frei nicht, wenn sie* an einem Tag als Femme daher kommt und am nächsten Tag im mackerigen Flanellhemd, so wird sich gewundert, was sie* denn nun wirklich ist. Festlegen bitte. Auch Make-up wird an der Jungschwuppe gefeiert, ist es doch etwas, was sie* nicht nötig hat, aber freiwillig machen kann. An einer frauisierten Person hingegen wird sich ständig die oftmals femme-feindliche Diskussion über „natürlichen Look“ VS „gut aussehen“ entzünden. Und das auch noch in einer lookistischen Gesellschaft, in der weiblich gelesene Personen gefälligst allen Standards gleichzeitig zu genügen und immer gut auszusehen haben. Dieser Diskussion muss sich der junge tuffige Schwule nicht stellen. Selbst wenn er* in der Diskussion „natürliche“ VS „aufgedonnerte“ Schwuppen landen sollte, so hat er* doch nicht die mit Make-up und gutem Aussehen verbundenen, gesamtgesellschaftlichen Zwänge für Frauen*, noch Misogynie im Nacken.

Aber nicht nur was ihre gesllschaftliche Wechselbarkeit angeht, ist die ideale Jungschwuppe herrlich privilegiert, nein, auch ihr Körper übertrumpft die unseren um Längen, wenn es um Verwandelbarkeit geht. Kaum Köperhaare, aber genug, um doch noch Männlichkeit aufzuzeigen, wenn gewünscht, wenig genug um sie abzurasieren für das passende Outfit. Weil die Schwuppe auch männlich gelesen wird hat sie* auch mit den behaartesten Haxen keine dummen Sprüche zu fürchten. Schmale Hüften, die sich notfalls ausstopfen lassen, ansonsten aber jedes elegante Kleidchen ebenso perfekt zur Geltung bringen wie eine Röhrenjeans, für deren Defaultlook die meisten von uns viel zu dicke Oberschenkel haben. Oder die Breiten Hüften, die uns davon abhalten, als Emo-Jüngling gelesen zu werden und uns bestenfalls einen Platz unter Hip-Hop-Fans oder Anzugträgern erringen können, die ihre Silhouetten unter weiter Kleidung verschwinden lassen. Und das Dekollteé erst… ausstopfen oder weglassen, Ballons oder BH-Einlagen, mit ihrer schlanken Figur steht den Junghuschen alles offen, während andere ihre Brust nicht mal mit zwei Bindern oder 100m Bandagen kaschieren können.

Zu der Wechselbarkeit des Stils kommt noch die jederzeit änderbare Flirtdynamik. Während bei als Hetera gelesenen Personen die gesellschaftliche Norm der Passivität beim Flirten wie auch beim Vögeln vorherrscht, ist die Jungschwuppe auch in dieser Hinsicht nicht festgelegt – und kann mit dieser Offenheit wunderbar spielen.

Und last but not least: Sie* ist jung. Die perfekte Jungtucke lebt in einem Moment, in dem noch alles möglich zu sein scheint, die Türen offen stehen und der Kapitalismus nicht so schmerzt.

Jungschwuppen scheinen die perfekte Blankovorlage einer Unendlichkeit an Identitätsentwürfen zu sein. Patriarchal privilegiert gegenüber weiblich gelesenen Personen, nicht mit der Bürde der an Frauen gerichteten Schönheits- und Verhaltensstandards belastet, frei sich in alle Richtungen zu entfalten ohne sich dann darauf festlegen zu müssen.

Ja, ich geb‘ es zu: Warum ich den Artikel schrieb, worauf ich hinaus wollte, weiss ich nicht so genau. (Aber hey, irgendeine_r musste den Post ja schreiben.)
Wahrscheinlich wollt ich vor allem drüber nachdenken, was die Jungschwuppe ausmacht. Was das besondere an ihr ist, das uns bei der Identifikation mit ihr anspricht, uns mit ihr identifizieren lässt – anstatt uns für eins von zig anderen Vorbildern oder Ausgangspunkten zu entscheiden.

Ich möchte es übrigens keineswegs negativ sehen, sich als Jungschwuppe zu fühlen, zu leben oder zu imaginieren. Ich könnte mir vorstellen, dass es für viele Personen wirklich befreiend und augenöffnend ist, verschiedene Performances aus der Perspektive einer jungen Tucke zu erleben, nicht aus der gewohnten, marginalisierten und frauisierten Position heraus. Sich also mal völlig treiben lassen zu können, ausprobieren was mensch ausprobieren/leben möchte. In der Gewissheit, dass jede Performance fabulös und vom Umfeld gefeiert werden wird.

Gleichzeitig gibt es natürlich auch viele coole Frauen*, Lesben, Trans*personen, die vielfältige Identitäten leben und darstellen. Nur scheinen diese eben immer mit dem Patriarchat kämpfen zu müssen und vielleicht dadurch zu nah an unseren Leben dran zu sein, um sich mit ihnen zu identifizieren und ihre Position als Ausgangspunkt für die eigene Selbsterfahrung nutzen zu können.

Edit: Dank Bäumchens wunderbarer Suppe fand ich gerade diesen (englischsprachigen) Text, der sich mit Fettsein und Androgynität beschäftigt. Er beschreibt queere Androgynität als Konzept, das an schlanken Menschen ausgerichtet ist und erzählt von den Erfahrungen der Autorin mit verschiedenen Performances:
Allie Shyer: Fat Queer Tells All: On Fatness and Gender Flatness

Written by Grantel

Mai 11th, 2013 at 4:22 pm

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Bei Schwangerschaft hört der queere Spaß aber auf

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Die queer-feministische Blogosphäre versteht sich größtenteils als queer, bunt glitzernd, (post)modern, bekämpft Heternonormativität und hinterfragt das Zweigeschlechtersystem.
Trans*people? Klar, super! Und sexy sowieso. Inter*leute? Why not? Sollten endlich vom Staat anerkannt werden! Mit dem gender_gap wird auch in der Schriftsprache Platz für Menschen gemacht, die sich nicht in der männlichen oder weiblichen Wortform wiederfinden. Trans*Allies lauern also hinter jeder Ecke und zumindest in der flauschig queer-feministischen Bubble kann mensch sich sicher und respektiert fühlen.

Zumindest solange, bis das Thema Schwangerschaft aufgebracht wird. Seien es Hebammenstreiks oder Kitaplätze, Bewerbungsgespräche oder Abtreibungen die diskutiert werden – auf einmal färbt sich das fröhlich-bunte Bild schwarz-weiß. Als habe jemesch einen Schalter umgelegt geht es auf einmal nur noch um den weiblichen Körper, nur noch um Frauen. Nicht um Frauen*, nicht um FrauenLesbenTrans*(Inter*), nicht um schwangere Personen. Wo Biologismen sonst diskursiv zerlegt und zurückgewiesen wurden, werden diese beim Thema Kinder bekommen schnell wieder herbei gerufen. Wer beim größten feministischen Blog, der Mädchenmannschaft, nach „schwangere“ sucht, kann ja mal nachzählen, wie oft nach diesem Wort ein geschlechtsneutrales Substantiv oder eine Aufzählung folgt. Queer geht anders.

Mich macht es gleichermaßen traurig und wütend, wenn’s in einem Blogpost mal wieder um Kinder bekommen geht und ich schon bei den ersten Worten weiß, dass außer Frauen mal wieder keine_r erwähnt wird. Einerseits zeigt es, wie wenig die Existenz von Trans*_Inter* mitgedacht wird, was einfach schade ist. Andererseits wird durch jeden Artikel, der schwangere Leute vergisst, die keine Frauen* sind, ein System mitgetragen, in dem es diese Menschen gleich doppelt schwer haben. So wird bspw. die Existenz von Trans*männern oftmals von den Bezugspersonen und Medizinier_innen mehr oder minder akzeptiert, wenn Trans*männer sich dann aber noch „erdreisten“ schwanger zu werden/werden zu wollen, ist es vorbei mit der freundlichen Akzeptanz.

2008 gingen die Bilder von Thomas Beatie um die Welt: Er war der erste schwangere Trans*mann, der in dermaßen vielen Zeitungen und Onlineartikeln erwähnt wurde. Seine Geschichte sorgte für Unbehagen bei Menschen, die Abweichungen vom unveränderlichen Zwei-Geschlechtersystem nicht wahrhaben wollten. Eine Höhepunkt der Aufruhr war ein Artikel in der sich selbst als links verstehenden, bildungsbürgerlichen taz, der ungewollt zeigte, wie es wirklich um die Toleranz von schwangeren Trans* steht. Nicht schlimm genug, dass die taz sich wagte, das Geschlecht einer Person zur Diskussion zu stellen, einer der beiden Kommentartoren setzte geschlechtsangleichende Maßnahmen auch noch mit Körperverletzung gleich. [Triggerwarnung für den Link wegen transfeindlicher Kackscheiße und gewaltvoller Sprache: http://tr.gy/XPoZZ] Für diesen Artikel bekam die Taz dann auch eine „Missbilligung“ vom Presserat, worüber auch die Mädchenmannschaft berichtete.

Und jeder verdammte Blogbeitrag der nur von schwangeren Frauen ausgeht, jede feministische Zeitung, die ’ne Nummer zum Thema Schwangerschaft macht und dabei alle ausschließlich Frauen und Lesben erwähnt, sie alle tragen dazu bei, dass schwangere Trans*_Inter*-Personen unsichtbar und undenkbar bleiben – und bei nächster Gelegenheit ihr Geschlecht wieder in Frage gestellt bekommen. Es reicht, wirklich.
Es ist mir bewusst, dass Schwangerschaft zu recht ein großes Thema der Frauenbewegung(en) und des Feminismus war und ist. Doch kann es nicht so schwer sein, das Feld derjenigen, für die mensch kämpft, ein kleines Stückchen zu erweitern. Einfach mal statt „schwangere Frauen“ nur „Schwangere“ schreiben. Oder „schwangere Personen“, „Gebärende“, „schwangere Mütter* und Väter*“.  Queere Sprache kann so vielfältig sein, lasst sie uns nutzen.
Dankeschön.

P.S.: Ich selbst bin nicht schwanger, habe keine Kids und möchte auch keine Kinder. Ehrlichgesagt nerven die mich nebst ihren Bezugspersonen sehr oft. Aber es kann auch nicht angehen, dass queer-feministische Menschen das binäre Geschlechtersystem (unbewusst) dermaßen unterstützen und in solche Biologismen zurückfallen, wenn’s ums Kinderbekommen geht.

Written by Grantel

September 2nd, 2012 at 9:33 pm

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Kurze Vorstellung in viel zu vielen Zeichen

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Liebes Internet,

lange habe ich mit mir gehadert, ob ich diesen Blog starten soll. Braucht das Netz noch einen queer-feministischen Blog? Noch einen Trans*blog? Noch einen Blog, in dem jemensch persönliches aus ihrem_seinem Leben breit tritt, Gedankengänge anreißt und halbgare Textchen verfasst?

Eine lange Zeit dachte ich, dass die Antwort ganz klar „nein“ wäre. Doch dann fiel mir auf, das sich selbst solche Blogs sehr gerne lese – zumindest dann, wenn mehrere der angesprochenen Themen verknüpft sind (Blogs in denen weiße Cis-Heten über neue Klamotten, die aktuelle Politik und das Wetter schreiben sprechen mich nicht so an). Mir wurde bewusst, wie viel es mir selbst bringt, an Reflexionen und Alltagserlebnissen anderer Queers teilzuhaben, jenseits von theoretisch-abstrakten Texten, die ich sonst gerne schmökere.

Entsprechend werden die Texte hier wahrscheinlich eher knapp, unausgegoren, verwirrt sein, mitunter unstrukturiertes Rumgerante – aber das ist gewollt so. Da ich reichlich perfektionistisch bin wird es ’ne gute Übung für mich sein, Texte unfertig sein zu lassen – und sie auch noch online zu stellen.

Zu mir, etwas ausführlicher, da ich es gut finde zu wissen, aus welcher Position jemensch bloggt/spricht:

  • Mitte 20, gefühlt aber oftmals um die 50, wenn ich mal wieder unentspannt über tausende *ismen und die Welt an sich nörgel und nicht einfach relaxen kann.
  • Trans*person. Je nach Situation irgendwo zwischen FtMtTransgender/FTMtTunte/FtMtFemme, Genderqueer oder einfach Trans*.
    Habe als „ich bin einfach ein (schwuler, tuntiger) Kerl, da muss ich doch nicht noch Trans* davor hängen!!einself!“ angefangen, nach Testobeginn im Uniumfeld ein paar Jahre stealth gelebt und fühle mich nun zunehmend unwohl damit, als (cis) Mann gelesen zu werden. Hatte zu Beginn der Transition noch die Befürchtung, dass so vieles an mir, das irgendwie „queer“ ist nicht queer gelesen werden würde, sondern als Beweis dafür genutzt würde, dass ich ja eigentlich „weiblich“ sei. Mittlerweile möchte ich aber Trans* generell sichtbar machen und bitte nicht als Cisse eingeordnet und angesprochen werden.
  • Ich bin weiss und werde able-bodied gelesen.
  • Komme aus Familie der unteren Mittelschicht, bin im Dorf aufgewachsen und lebe nun in einer mittleren Großstadt.
  • Studiere Geisteswissenschaften, beteilige mich an diversen linksalternativen Projekten, wie Voküs und Zeitschriften, gehe wenns die Zeit zulässt auch auf diverse Tagungen und Co. zu Geschlecht, Identität, Netzgedöns.

Seit nunmehr über sechs Jahren bin ich auf Testo und damit vermutlich Teil eine unterrepräsentierte Trans*gruppe im Netz. Zumindest stolpere ich fast nur über Blogs, Videos etc. von jünegren Trans*leuten. Ist in Selbsthilfeforen sieht es ähnlich aus. Vielleicht ist’s eine Altersfrage, vielleicht liegt es daran, dass für viele Trans* irgendwann kein großes Thema mehr ist, sie den Outing-/Begutachtungs-/Medizinstress hinter sich haben, irgendwo angekommen sind. Als alternde Transe die sich der binären Einordnung entzieht fühle ich mich im deutschsprachigen Netz etwas alleine und würde mich freuen, wenn mir jemensch weitere  Blogs empfehlen könnte.

Das war es erstmal über mich. Sollte ich hier jemals Kommentare bekommen, so möchte ich darauf hinweisen, dass ich diese erst nach Sichtung freischalten werde, da ich keinen Bock auf Getrolle und *istische Kommentare habe, die möchte ich nicht mal ein paar Minuten stehen lassen.

Sollte ich selbst mal wieder nicht aufgepasst haben und hier selbst *ismen verbreiten würde ich mich freuen, wenn mich Eine_r drauf aufmerksam machen würde.
Außer über die Kommentare bin ich auch über grantel -bei- riseup.net zu erreichen.

 

 

Written by Grantel

September 2nd, 2012 at 9:32 pm

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